Marokkoreise


Am 16. April 2002 traten wir sie an, unsere Reise nach Marokko. Fast ein Jahr innerlicher und drei Wochen äusserlicher Vorbereitungszeit waren dieser Reise vorausgegangen. Voller Vorfreude und mit den besten Wünschen Gregors, der dieses Jahr nicht mitfuhr, und denen der anderen Mitarbeiter, stiegen wir in die Autos. Die Gruppe, bestehend aus den acht Schülern, (Franziska, Alexandra, Marie, Lea, Lukas, Andreas, Tilo, Timon) den beiden Praktikanten Helena und Georg, und natürlich Henner (Pädagoge) fuhr also, verteilt auf unseren Citroen Jumper und unseren Nissan Kombi, los.

   Zwei Tage brauchten wir, um Spanien zu durchqueren. Mir fiel es nun, da wir dem "Ziel" immer näher rückten, schwer, meine vorfreudige Anspannung zu zügeln. Am Morgen des dritten Reisetages begaben wir uns von Algeciras aus auf die Fähre, welche uns nach Ceuta brachte. In Ceuta angekommen, hielten wir noch ein einfaches Mal in der heissen Mittagssonne, dann nahmen wir wiederum unsere Plätze in den Autos ein, die Pässe griffbereit, denn nun ging es zur Grenze. Aufgrund des blühenden Drogenhandels zwischen Marokko und Spanien, kommt es bisweilen zu langwierigen Personen- und Fahrzeugkontrollen. Wir rechneten also mit langen Wartezeiten. Zudem scheinen die marokkanischen Zollbeamten gerne in bewegungsfreudiger Geschäftigkeit von einem Ort zum anderen zu eilen, so dass sie nur schwerlich zu fassen sind und man sich gezwungen sieht, sich ihren Vorstellungen bezüglich des Grenzübertrittes in jeder Hinsicht zu bewegen. Letztendlich passierten wir die Grenze dann doch relativ zügig und fuhren an der Küste entlang, in Richtung Asilah.

    Das was mir dort, kurz nach dem Grenzübertritt, sofort begegnete, war dieses völlig andere Zeitbewusstsein der Marokkaner. Keine Spur der den Europäern anhaftenden Gehetztheit, in welcher sie dem Moment alles abzuverlangen versuchen. Eine Ruhe schien in jeder Handlung zu leben, oder die Tätigkeit an sich, war schon die Ruhe. So sah ich oft Menschen im Grase liegend, träumend oder schlafend ihre Ziegen hüten, solche die gemächlich auf ihrem Muli (Esel) daher ritten, aber auch viele die einfach ihr Sein geniessen zu schienen und die Schönheit und Ruhe des Moments auf sich wirken liessen. Dies zu sehen, wie des ganzen Menschensein, lebte in dem Moment, war ein schönes Erlebnis. Nach einer auf dem asilahschen Zeltplatz verbrachten Nacht, machten wir uns bald auf nach Meknès, eine der Königsstädte. Wir verliesen somit den nördlichen Teil Marokkos, welcher industriell verbraucht und oft auch vermüllt ist. Kurz vor Meknès machten die letzten verarmten Wellblechhüttengehöfte schliesslich grünen gepflegten Hängen, ordentlich angelegten Gärtchen und Olivenhainen Platz. Am frühen Abend erreichten wir den im Stadtzentrum gelegenen Campingplatz, wo wir unter hoch gewachsenem Eukalyptus unsere Zelte aufschlugen. Trotz Erschöpfung und Müdigkeit rafften wir uns noch auf, zu Fuss in die Medina zu laufen und dort etwas zu essen. Der Weg führte uns an den, die mächtigen Gebäude des Moulay Ismail (Mann Fatimas) umschliessenden Mauern, vorbei in die Innenstadt. Ein Führer lotste uns von dort aus zu einem Restaurant von familiärem Stil, das versteckt in einem verwinkeltem Gässchen lag. Hier wurde uns ein leckeres Tajine zubereitet. Gesättigt wagten wir noch ein paar Schritte in die Medina. Unsere Müdigkeit zwang uns jedoch bald auf den Zeltplatz zurück.

    Am darauffolgenden Morgen wurden wir durch den Ruf des Muezzin geweckt. Dieser ruft im Laufe des Tages mehrmals zum Gebet auf. In dieser Zeit, die alle gemeinsam im Gebet verbringen, verspannt sich die Stadt zu einem Netz. Für einen kurzen Moment "treffen" sich alle, werden Einheit im Gebet, um danach wieder auseinander zu gehen und sich dem jeweiligen Tagwerk zu widmen. Wir verbrachten den ganzen Tag in Meknčs, wo wir Schüler einen Djellaba spendiert bekamen. Wir schlugen den Weg als nächstes in Richtung Marrakech ein. Der Weg führte uns am Rande des mittleren Atlas entlang, durch eine Landschaft die mich zutiefst berührte, ja fast als bedrohlich empfand. Die Luft war erfüllt von Honigduft und die Berge in der Ferne waren durch die leicht dunstige Luft weich gezeichnet. Rechts und links waren grüne, seicht herabfallende Hügel, welche einander in sanften Mulden fanden. Oft bewachsen mit gelben Blumen, die wie das auf den Hügeln liegende Sonnenlicht schienen. Die Blumenfelder, die wir dann wieder durchquerten, waren von einer solchen Farbenpracht und Intensität, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. So weich und verletzlich die Landschaft war, so waren auch die Menschen dort. Von überall blickten uns offene, freudige Gesichter mit fast kindlichen Zügen entgegen. Mit ehrlicher Freude in der winkenden Hand wurden wir begrüsst. Ich empfand deutlich, dass es eben dieses Vertrauen war, welches in ihrer Begegnung mit uns lag, das tragend wirkt für ihr Leben im Einklang mit der Natur.

    Gegen den späten Nachmittag hin, bogen wir von der Hauptstrasse ab, um in den mittleren Atlas hineinzufahren. Es war eine kleine, kaum befahrene Bergstrasse, die uns durch eine bewaldete jedoch sehr dünn besiedelte Gegend führte. Wir waren nicht lange gefahren, als sich uns der Anblick des gesuchten Stausees, Bin-el-Ouidane bot. Von der sich am See entlang zeichnenden Strasse aus, entdeckten wir eine von Gras und Blumen bewachsenen Weg, den wir einschlugen. Dieser führte uns zu einer in den See hinausragenden Landzunge, die bis auf das mit Eukalyptus bewachsene Plateau kahl vor uns lag. Zwischen diesen Bäumen schlugen wir unsere Zelte auf. Alsbald lief ich hinunter zum See. Erst am Ufer hielt ich inne. Inzwischen war der Abend schon sehr weit fortgeschritten, die Nacht brach an. Die mich umgebende Natur liess sich im Dämmerlicht nur noch schimmerhaft erkennen. Einem silbergrauen Spiegel gleich, lag der See vor mir. Kaum merklich wehte ein leises Lüftchen. Es war ganz still.

    Neben dem kaum hörbaren Flüstern der Natur vernahm ich keinen Laut. So stand ich und lauschte. Weder Laut noch Licht, erzeugt von Menschenhand, standen nun mehr zwischen mir und der Natur. Die "Welt" rückte enger zusammen, schien sich zu verbinden, nicht mehr durchbrochen durch die Zivilisation. Ich konnte es im Verhältnis von Raum zu Bewegung und Klang beobachten. Mir wurde unsere Taubheit in Bezug auf die Natur, aber auch auf uns selbst, bewusst. Der darauffolgende Tag brachte uns vorerst schönes Wetter und eine marokkanische Grossfamilie.

    Die erschien am frühen Nachmittag, und wir, die wir uns so alleine glaubten, waren schon ein wenig überrascht über dieses plötzliche Kommen. Es wurden Decken, Felle, Geschirr und Nahrungsmittel ausgepackt. Alsbald sassen sie auch schon in lustiger Runde beim Essen. Georg, unser Praktikant, knüpfte Kontakte, wurde zum Essen eingeladen und auch wir wurden bald darauf hinzu gerufen. Keine Spur europäischer Reserviertheit oder Gehemmtheit war dort zu spüren. Sie empfingen uns einfach herzlichst in ihrer familiären Runde. Satt der Distanz die wir gewohnt sind zu wahren, um uns selbst zu schützen, haben sie - besonders die Aelteren - einen Stolz der ehrlicher Natur ist.

    Nachdem wir gegessen hatten, tanzten wir gemeinsam zur Musik, die aus dem Autoradio erklang und sassen schliesslich noch eine Weile bei Pfefferminztee zusammen. Mit kräftigem Händeschütteln und den Worten, dass wir bei ihnen jeder Zeit willkommen seien, verabschiedeten sie sich von uns und die mit Sachen bepackten Menschen und Autos entschwanden bald unseren Blicken. Der Nachmittag war inzwischen schon sehr weit fortgeschritten. Die Luft war schwül. Von der Meerseite her zog ein Gewitter auf. Schon ballten sich dunkle regenschwere Wolken auf der gegenüberliegenden Seite des Sees und die nun entstehende schwarze Wand bewegte sich auf uns zu. Der Wind nahm immer mehr zu, er peitschte den See zu hohen Wellen und jagte Wolkenfetzen über den Himmel. Während der eine Teil des Himmels tobte so ward das Himmelsbild zur Landseite hin vollkommen ruhig. In zarten pastellenen Farben waren Wolken und Himmel gezeichnet. Unbeweglich und unantastbar aus einer lichten Ruhe heraus hielt die Stimmung dort der schwarzen Wildheit stand. Genau zwischen diesen beiden Fronten waren wir, die Gruppe.

    Inzwischen hatte der Wind so an Stärke gewonnen, dass wir unsere Zelte bodenfest zu machen suchten, indem eiligst Steine herbeigeschleppt und auf die Zeltecken gelegt wurden. Wenige, aber sehr schwere Regentropfen kamen nun vom Himmel. Wir erwarteten eine heftigen Sturm. Dennoch zog es mich hinunter zum See. Also liefen Franziska und ich, nachdem alle Zelte relativ "sicher" standen, hinunter zum Ufer. Es war ein aufwühlendes Schauspiel, was sich uns dort bot. Grüngraue Wellen rollten gewaltig ans Ufer, über dem See hing ein grauer Schleier, an keiner Stelle durchbrochen von Licht. Das Ufer hingegen war in gedämpftes weissgoldenes Licht getaucht. Die Farben, das Licht, es veränderte sich ständig, wobei jedoch die helldunklen Fronten bestehen blieben. Dort unten am See besprachen Franziska und ich die momentane, schwierige Gruppensituation, dieser Kampf dort am Himmel liess so manches bewusst werden und wir beide waren uns eigentlich einig, dass sich etwas lösen müsse, wussten jedoch nicht wie. Mit der Zeit legte sich der Sturm wieder und es kehrte Ruhe ein. Im Inneren eines Jeden jedoch, schien weiter gekämpft zu werden. Die bestehende Problematik verlangte eine Lösung. Nach dem Abendessen sprach Hennner diese an und zwang uns zu einer gemeinsamen Lösungssuche indem er sagte, dass die Reise nicht fortgeführt werden kann, ohne sofortige Lösung der sozialen Spannungen. Die Problematik beinhaltete der Zusammenhang der Gruppe an sich als auch die Schwierigkeit zweier Gruppen, die völlig verschiedene Vorstellungen hatten, wie man Marokko begegnen sollte. Wir konnten uns nur schwerlich finden. Die Tatsache, dass ungelöste Konflikte mit nach Marokko getragen worden waren und nun dort in Jedem weiter lebten, wurden offenbar und zeigten deutlich, dass keine Offenheit für die Vorstellungen des Anderen entstehen konnten. Bei solch einer Reise, die vielleicht mehr als eine andere den Zusammenhalt der Gruppe fordert, sind Spannungen solcher Art nicht haltbar. Sie zermürben nur und lassen einen das eigentliche Ziel einer solchen Fahrt absolut verfehlen.

    Noch spät am Abend wurden die Probleme besprochen und auch noch am nächsten Morgen. Es waren schwierige aber ehrliche Gespräche. Sie machten uns aber die Weiterfahrt möglich. Wir fuhren an diesem Tag, mit kurzem Halt an den Ouzoud Wasserfällen, bis nach Marakech.
   


Ouzoud Wasserfälle


    Gegen Abend erreichten wir die Stadt und nachdem wir nun schon mit geübter Hand die Zelte aufgestellt hatten, fuhren wir auf den im Stadtzentrum gelegenen Platz Djamaa el Fna, um dort etwas zu essen.

    Der Djamaa el Fna ist Schauplatz verschiedenster Künste, wie der Geschichtenerzähler, Schlangenbeschwörer oder Musikanten. Auch werden Esswaren und marokkanische Gerichte aller Art an den offenen Ständen feilgeboten. Die dort Schaffenden buhlten um die Aufmerksamkeit eines jeden, woraus sich ein spielerischer Kampf entwickelte, bei dem man nur allzu schnell zum Opfer wurde.

    Am nächsten Tag machten wir uns auf in die Medina von Marrakech und wir brauchten eine ganze Weile, bis wir uns bis zum Kern und nicht touristischen Teil der Medina durchgekämpft hatten. Dort verbrachten wir dann fünf Stunden. Während dieser Zeit war ich ständig darum bemüht eine Hülle um mich zu schaffen, da ich sonst von den Verkäufern seelisch "zerrissen" worden wäre. Ständig suchen diese die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, was ja schliesslich ihr "Geschäft" ist. Während wir in der Medina waren, hatte ich gar nicht bemerkt wie kräfteraubend das ist. Auf dem Zeltplatz angekommen fühlte ich mich aus einem tranceartigem Zustand erwachen und spürte, wie ich wieder loslassen konnte. Ich war erschöpft. In der Nacht wurde ich krank. Ich erbrach mich die ganze Zeit. Ich hatte das Gefühl, als müsse ich die ganzen Eindrücke "ausspeien". Ich war noch nicht in der Lage, sie zu verdauen. Am nächsten Tag fühlte ich mich hundeelend. Ich lag nur herum und empfand gar nichts mehr ausser einer tiefen Dumpfheit. Mit grosser Uebelkeit stieg ich ins Auto. Wir wollten schliesslich über den hohen Atlas in Richtung Wüste weiterfahren. Im Laufe des Tages verbesserte sich mein Zustand. Die Uebelkeit liess ein wenig nach, so dass ich die Landschaft, durch die wir fuhren, wieder betrachten konnte. Es war faszinierend zu beobachten, wie sich die Berge auf dem Weg vom hohen Atlas bis zur Wüste hin veränderten. Die grauen Bergriesen, deren Spitzen weit in den Himmel greifen, wurden abgelöst von rötlichen Bergen, deren Aufbau stufenartig war. Diese Stufen oder übereinander gesetzten Plateaus werden, je näher wir der Wüste kamen, immer flacher, sie "rutschen" der Erde entgegen bis sie sich in der

   


Das "Wüstenmeer" rückte näher


    Ebene verloren. Auch wurden die Formen zur Wüste hin immer weicher und "beweglicher", ja fast wellengleich, was das Gefühl und die Erwartung in mir, dass nun gleich das Meer kommen müsse noch verstärkte. Dann am Horizont, erblickte ich das "Meer", das Sandmeer der Sahara. Rot leuchteten die Dünen der Wüste, gegen den blauen Himmel.

    Am Rande der Wüste, liegt das aus ein paar hundert Seelen bestehende Dorf Merzouga. Bei Ali, einem Berber, bekamen wir Unterkunft. Für mich war Merzouga ein sehr starker, spezieller Port. Ich durfte dort erleben wie das Denkerische, wie die Sinneswahrnehmung in den Hintergrund trat, ja treten musste. Die dort herrschenden Umstände (Hitze, Wüste) schienen dies zu fordern. Dadurch konnte dort etwas Anderes stärker leben.

    Am Nachmittag des dritten Wüstentages, bestiegen wir ein Dromedar und wurden von Berbern in ein Lager in das Innere der Sandwüste geführt. Zu Beginn des Rittes belustigte sich fast jeder darüber, wie seltsam die anderen auf ihren Kamelen sitzen würden. Mit der Zeit wurde es jedoch still und viele liessen sich ein auf die Wüste und deren Rhythmus. Die Sonne war schon am untergehen als wir die Berberzelte erreichten. Wir stiegen ab und fast alle verstreuten sich wie selbstverständlich, um die Dünen zu bewundern.

   


Ein Teil unserer Gruppe mitten in der Wüste


    Mitten in der Wüste, wo die Fixierpunkte wegfallen, die es sonst in der Welt gibt (Pflanzen, Tiere, Menschen), erlebte ich mich auf mich selbst zurückgeworfen. Ich spürte die Möglichkeit einer Kraft, auf welche man auch im übrigen Leben, im Alltag, bauen könnte.

    Auf dieser Reise nach Marokko habe ich erfahren, dass wir alle nur leben können, weil andere Menschen, andere Völker Dinge auf sich nehmen, welche uns die sogenannte Freiheit gewähren. Schätzen wir diese. Oft sind die Pfade des Lebens, wie auch die einer solchen Reise beschwerlich und wir, die wir wohl alle Suchende sind, sollten lernen, einander zu tragen, denn das schafft die Möglichkeiten, die in die Zukunft führen.

Marie



   
Ein Schuljahr im Centre de Formation zwingt mit unerbittlicher Offenheit zur Selbsterkenntnis, ob Praktikant/In oder Schüler/In.

    Fragen wie: "Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Was muss ich tun?" können kaum ausgewichen werden.

    Diese Prozesse können zuweilen schmerzhaft sein und zu unschönen Abwehrmechanismen führen. Doch alle Beteiligten, die sich diesen Fragen offen stellen, ist nicht nur wahre Selbsterkenntnis beschieden, sondern es stehen ihnen auch verheissungsvolle Wege in die Zukunft offen.
   


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